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Schluss mit dem täglichen Weltuntergang

Warum wir nicht mehr um den konstruktiven Journalismus herumkommen?

Von Marius Dürr & Mario Bacher

Ob am Arbeitsplatz oder in den eigenen vier Wänden, über das Smartphone, die morgendliche Zeitung oder die gewohnte Abendschau, die Medien haben Einzug in alle Lebensbereiche gehalten – und sind immer verfügbar. Ob wir es wollen oder nicht. Nun gilt es den richtigen Umgang mit dieser Flut an Reizen zu beherrschen, dabei geht die Psychologin, Neurowissenschaftlerin und Journalistin Prof. Dr. Maren Urner auf die Grundlagen der Realitätsverzerrung ein, die jeden Einzelnen betreffen und zieht den Journalismus selbst zur Verantwortung.

Die Herausforderungen unserer Zeit sind enorm, ob die ungleiche Vermögensverteilung, Migration oder Klimakatastrophen, und zugleich waren die Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung nie größer als heute. Diese Kombination hat jedoch nicht nur positive Auswirkungen, was sich deutlich an einem Wissenstest der Gapminder Foundation zeigt, den Prof. Dr. Urner mit ihrer Zuhörerschaft am Mobile Media Day 2019 durchführte. Ziel des Tests ist es das subjektive Weltbild abzufragen und es zeigte sich, dass die Ergebnisse am Tag des Vortrags nicht weit von denen der Gapminder Foundation lagen:

Wir schätzen die Welt deutlich negativer ein, als sie objektiv ist.

 

Doch Woran liegt das?

Die Psychologin postuliert hier drei Ursachen:

Prof. Dr. Maren Urner beim MMD19

Zuerst stellt sie den Negativity Bias vor, eine Verzerrung die noch aus lang vergangener Zeit rühre; denn als früher der Mensch darauf ausgerichtet war sich vor ständigen Bedrohungen durch wilde Tiere oder ähnlichen Gefahren zu schützen, konnte ein verpasster negativer Reiz schnell den eigenen Tod bedeuten. Auch heute lasse sich hierfür Evidenz finden, wie beispielsweise höheren Klickraten bei negativen Nachrichten. Weiterhin beschreibt sie das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit, wobei das Individuum zwar von all den Problemen der Welt erfahre, aber keine Lösungsvorschläge bekomme. Dies führe jeden von uns zu einer unangebrachten Hinnahme der Probleme nach dem weit verbreiteten Motto: „Ich kann doch sowieso nichts ändern“. Als letzte Ursache sieht Prof. Dr. Urner die Macht der Gewohnheit, welche sich nicht nur auf das Verhalten der Menschen auswirke, sondern auch den Weg des Denkens in Schranken der Gewohnheit weise. Zur Verdeutlichung nutzt die Referentin hier die Darstellung des Neun-Punkte-Problems (unten illustriert).

Dies sind nur drei der Faktoren die zu dem Paradoxon, dass wir uns auf der einen Seite großen Herausforderungen gegenübersähen und zugleich die Welt verzerrt wahrnähmen und passiv bleiben. Medien führten uns hierbei zu sehr in den Zynismus, als dass sie Lösungsansätze aufzeigten. Journalismus solle konstruktiver werden, denn „das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“ (Steve de Shazer).

Hierfür müsse man die „lösungsorientierte Brille“ aufsetzen, so die Psychologin. Konstruktiver Journalismus habe drei Kriterien zu erfüllen: Er müsse konstruktive Kritik beinhalten und Verbesserungsvorschläge aufzeigen. Weiterhin dürfe der Journalismus seine Auswirkung auf die Leserschaft nicht außer Acht lassen, denn so sehr wir es auch versuchten, es gebe keinen durchweg objektiven Journalismus. Zuletzt sieht die Referentin auch einen altgedienten Grundgedanken des Journalismus, dass bei der Berichterstattung immer „beide Seiten“ beleuchtet werden sollten, als kritikwürdig, denn dies implementiere, dass es nur „Schwarz und Weiß“ gäbe. In den meisten Fällen stehen allerdings viele Graustufen zwischen den beiden Extremen, die zu oft übergangen werden, obwohl diese für eine individuelle Meinungsbildung ausschlaggebend seien.

In einem Satz, solle Journalismus laut der Psychologin zur Berichterstattung per se, auch das „Wie kann es weitergehen?“ beinhalten.

 

Illustrationsbeispiel zur „Macht der Gewohnheit“

Das Neun-Punkte-Problem:


Verbinden sie die neun Punkte mit vier Geraden, ohne abzusetzen.

Mögliche Lösung: